Mehr Vorbilder, mehr feste Standpunkte der Eltern, weniger Beliebigkeit, aktive Wertevermittlung. Das sind die Erziehungsprinzipien, für die
Ursula von der Leyen eintritt. Der Religionsunterricht zum Beispiel hat nicht beliebig zu sein, sondern sollte erst einmal "die eigene Religion" vermitteln, ehe man anderes kennenlerne, so Frau von der Leyen. Ich frage mich an dieser Stelle, wíe sie den Unterschied zwischen Toleranz und Beliebigkeit definiert. Ist es nicht Ausdruck einer Erziehung zu einem der wichtigsten Werte unser Gesellschaft, nämlich der Toleranz, wenn man statt Religion das in Berlin favorisierte Unterrrichtsfach "LER - Lebenskunde, Ethik, Religion" in den Bildungskanon aufnimmt, dessen Lernziel es durchaus sein kann, die "Herkunftsreligion zu relativeren"? Grundsätzlich stimme ich Frau von der Leyen ja zu. Eltern haben Vorbild zu sein und müssen feste Standpunkte einnehmen, an denen Kinder lernen, sich zu orientieren. Gleichzeitig jedoch müssen Kinder auch lernen, sich abzugrenzen von Standpunkten, die nicht die ihren sind. Dass auch die Erziehung der sieben Kinder von Frau von der Leyen durchaus nicht das Maß aller Dinge sein muß, zeigt die sehr aufschlussreiche rhetorische Frage von ihr, "welches Kind denn schon freiwillig Mathe mache". Vielleicht sollten da doch noch einmal die Prämissen einer Erziehung überdacht werden, in der Mathematik als derart quälend empfunden wird, dass sie nur mit Zwang vermitteln werden kann. Meine Erfahrungen jedenfalls lauten, dass manchmal die eigene Person in den Hintergrund zu stellen ist zugunsten der Erziehung hin zu einem umfassend gebildeten Menschen, der Toleranz und Gleichberechtigung als unverzichtbares Fundament eines gelungenen Zusammenlebens sieht. Um es zu verdeutlichen: Weder der Vater meines Kindes noch ich haben die Mathematik besonders geliebt. Die typischen Geisteswissenschaftler eben.
Meine Tochter hingegen liebt Mathematik. Außerdem Kunst und Musik. Ich habe mich bemüht, mir meine eigenen Vorurteile und Abneigungen nicht allzu sehr anmerken zu lassen, was mir in diesem Fall anscheinend gut gelungen ist. Natürlich wünsche ich mir, dass meine Tochter mein Wertesystem übernimmt. Aber ich muß damit leben, wenn sie es nicht tut, sie mit ihren 12 Jahren also zum Beispiel den Urknall favorisiert und überhaupt nichts von der Göttin hält.
Update:
Helen besteht darauf, dass statt Musik der Sport gesetzt werden soll. Was ich hiermit tue. Und weise noch darauf hin, dass sie das Fach Musik auch gerne macht. :-)